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Aus dem Maß aller taktischen Dinge wird ein Anachronismus

Für die Onlineausgabe des Londoner „Telegraph“ schrieb der ehemalige Stürmer von Manchester United Kolumnen zur WM. Der Beitrag Owens erschien auf der Seite des „Telegraph“, und großlettrig prangte ebendort der Satz: „As soon as I saw our tactics I knew we’d lose.“ Was zu übersetzen wäre mit: „In dem Augenblick, als ich unsere Aufstellung gesehen habe, wusste ich, wir würden verlieren.“

Der einzig streitbare Punkt dieser Aussage liegt nun keinesfalls darin, dass es einen Zweifel am Wahrheitsgehalt geben könnte; vielmehr müsste man sich fragen: Warum wird „tactics“ mit „Aufstellung“ übersetzt?

Die Antwort ist relativ simpel: weil es in diesem Fall stimmt.

Owen meinte mit der taktischen Ausrichtung die Aufstellung bzw. andersrum, die Englands Trainer den „Three Lions“ mit auf den Weg gegeben hatte. Hinter dem letzten Strich der Aufstellung, der die Mittelfeldakteure von den Stürmern trennt, standen nämlich zwei Namen. Das bedeutete, Englands Coach setzte auf ein 4-4-2-System.

4-4-2 gegen 3-6-1. Und das wiederum bedeutet ganz allgemein, dass die Mannschaft, die ein 4-4-2 spielt, die Mitte des Spielfelds fast automatisch dem Gegner überlässt. In unserem speziellen Fall war genau das der springende Punkt. Wer den Artikel im „Telegraph“ nachliest, sollte indes nicht überrascht sein, wenn Owen schreibt, dass er gehofft hatte, man würde eine 4-5-1-Formation aufs Feld schicken; in England ist es Usus, die Mittelfeldspieler nicht in defensive und offensive Kräfte zu unterteilen. Das 4-5-1 meint tatsächlich das hierzulande so genannte 4-2-3-1, und auch, wenn Briten vom 4-3-3 sprechen, meinen sie das 4-2-3-1. Nur, dass sie die beiden Flügelspieler eben als Stürmer verstehen und den zentralen Mittelfeldspieler als Zehner, der zusammen mit den beiden Sechsern das Mittelfeld bildet.

Um besser zu verstehen, was mit der Aussage gemeint ist, dass das 3-6-1 dem 4-4-2 im Mittelfeld überlegen ist, dürfte diese Grafik helfen:

Das Orange 4-4-2 ist in der Zentrale – dem roten Rechteck – nur mit dem Sechser und dem Achter vertreten, während das blaue 3-6-1 mit der Fünf, der Sechs, der Acht und der Zehn dort die Räume eng macht. Zudem sind die Laufwege der Mitspieler –aus dem äußeren Mittelfeld rängen (die 7 und die 11) und der Stürmer (9) in diesen Gefahrenbereich hinein, wo das Spiel heute meist entschieden wird, deutlich kürzer  als die Laufwege der Orangen 7 und der 11. Natürlich wird das Spiel nie so statisch sein, dass die Formationen genauso aussehen wie in der Grafik dargestellt, aber grundsätzlich stellen sich die Systeme auch im Spielfluss so dar. Im Extremfall kann es nach der Balleroberung im Umschaltspiel sogar dazu kommen, dass blau mit fünf Spielern im Mittelfeld vertreten ist und Orange gleichzeitig nur mit zwei oder drei Spielern, weil die Außen zu weit aufgerückt sind und die Außenverteidiger ebenfalls zu offensiv stehen.

Genau auf diese Weise übrigens hat bereits an der WM 2010 Deutschland England im Achtelfinale besiegt.

Der Mehr-Spieler (10) im Zentrum bringt jedoch nicht nur für das Offensivspiel entscheidende Vorteile, auch nach einem Ballverlust im vorderen Drittel des Spielfelds kann er wichtig werden – etwa, indem er mit den beiden Außen die vorderste Abwehrreihe formt und in der Zentrale so agiert, dass er geschickt im Raum steht, um das schnelle vertikale Umschalten des Gegners zu verhindern. Zudem erhöht er die Chancen des eigenen Teams, vertikal nach vorn spielen zu können, indem er dem vor ihm platzierten Stürmer eine optimale Anspielstation bietet, so dass dieser einen langen vertikalen Ball von hinten (etwa der 6 oder der 8) abtropfen lassen kann. Dann rückt die Zehn nach und hat den Ball mit dem Gesicht zum Tor, während die 7 und die 11 in den freien Raum sprinten können.

Der Trend geht also weg vom klassischen System mit zwei Stürmern, und zwar aus dem Grund, dass es statistisch gesehen einfach inzwischen erfolgreicher ist, ein 3-6-1 spielen zu lassen. Vorausgesetzt, man hat die richtigen Spieler. Alles eine Frage der Spielertypen.

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